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“Der Betrachter als Archäologe„

DAS MYSTERIUM der Linear-B steht im Zentrum der Bilder von Nikos Samartzidis…

Nikos Samartzidis macht den Betrachter seiner Bilder zum Archäologen, zum Enträtsler kryptischer Botschaften: Die schiere Schönheit der Schrift ist das erste, was die archaisch wirkenden Kunstwerke von sich preisgeben. Aber so tief, wie die Narben, Schnitte und Riefen in die Farbe schneiden, so tief gewährt der 1957 in Mazedonien geborene Künstler Einblicke in die Bedeutungsschichten seiner Arbeiten. Die Bildprogramme frühantiker Schriftkultur, die Geschichte der Lyrik, Kalligrafie und Poetik sind Facetten in Samartzidis Bildern.

Das Heilige der Poesie spiegelt sich in den Malereien wider, würdigte der Moskauer Philosoph Professor Vitim Kruglikov am Montagabend die Arbeiten des Rüsselsheimer Künstlers bei der Vernissage der Ausstellung „Hommage à M. Ventris“…

Schrift als Geheimkunst, das Wissen um die Bedeutung und Macht der Buchstaben als Arkanum: Die Bilder von Nikos Samartzidis spielen auf der Oberfläche vor allem mit dem Mysterium der legendären „Linear-B“, dieser Abenteuergeschichte für Archäologen, Sprachforscher und Kryptologen. Meist sind es Formen behauener Steine oder geritzter Tontäfelchen, die der Künstler in seinen Werken aufnimmt. Die vorherrschende Farbe der Oberfläche wirkt verwittert, von Sonne und Jahrhunderten ausgebleicht, scharfe Risse erzählen vom Schicksal der Texttafeln im Strudel der Zeit.

Das kollektive Gedächtnis nimmt Vitim Krugilov als Metapher, um die Vielschichtigkeit der zwischen Malerei und Grafik schwebenden Arbeiten zu erklären. Aber auch wer die geheimnisvolle Schrift der frühen Kreter und Minoer nicht zu deuten versteht, den ziehen die Choreografien der Zeichen und Figuren schnell in seinen Bann. Ehrwürdig und gesättigt von einer Jahrtausende alten Kulturtradition sind die großformatigen, intensivfarbigen Tafelbilder.

Vergleichsweise augenzwinkernd kommen dagegen diejenigen Arbeiten daher, in denen Nikos Samartzidis das 21. Jahrhundert auf die geschichtsträchtige Schriftkultur treffen lässt: Compact Discs mit ihrer flirrenden, spiegelnden Unterseite hat der Künstler mit Schrift bedeckt. Das wirkt wie ein Kommentar des Steins von Rosetta, nur dass sich hier eine viel größere Spanne der Zeit und Schriftkultur öffnet zwischen den Symbolen der Linear-B und der endlos scheinenden Abfolge von 0 und 1 in den digitalen Dateien moderner Speichermedien.

Der Kunsthistoriker Peter Forster, der in die Ausstellung einführte, betonte neben der schrift- und kulturgeschichtlichen Dimension der Bilder vor allem ihre Qualität als intensive Auseinandersetzung mit der mediterranen Heimat des Künstlers. Samartzidis… setzte sich dort immer wieder mit Farben und Formen der vielfältigen griechischen Landschaft auseinander. Diese Erfahrungen finden sich auch in den abstrahierten Schriftlandschaften wieder, von denen die Ausstellung dominiert ist: „Landschaft und Natur als gespeicherte Erinnerung“, so Forster.

( Auszüge aus einem Artikel von Peter Thomas bei der “Rüsselsheimer Echo„ am 9.3.2005 )

 


 

Wiesbaden, Mai 2005

Das Werk von Nikos Samartzidis ist durch seine rätselhaften Zeichen sperrig und für den Nichteingeweihten schwer zugänglich. Samartzidis Bildtafeln erscheinen wie Ausgrabungen archaischer Funde aus der sagenhaften Zeit des minoischen Kreta. Und in der Tat finden sich auf ihnen die Ideogramme und Lautzeichen der sogenannten Linear B-Schrift, die sich zwischen 1500 und 1200 v. Chr. bis zum Untergang der Insel-Kultur entwickelte und in die mykenische Kultur der Festlands Dorer eingeflossen ist.

Als ein der Geschichte seiner griechischen Heimat verbundener Künstler und Kenner der Literatur der zeitgenössischen Dichter seines Landes entwickelte Samartzidis die Idee, moderne Texte mit der archaischen Linear B-Schrift zu vereinen. So entstanden Serien hieroglyphenartig wirkender Bildtafeln in der Zeichensprache der Linear B-Schrift, hinter denen sich Texte moderner griechischer Dichtkunst in unterschiedlicher Färbung verbergen.

Der Nichtkenner wird diese Texte nicht entschlüsseln können. Nichtsdestoweniger wird ihn der Reiz des gestalterischen Spiels mit den rätselhaften Zeichen und ihre Formenmagie fesseln. Es wird seine Neugier und seinen Wissensdurst wecken, und der Betrachter wird verführt sein, die gedanklichen Lücken mit der Phantasie und Kraft seiner eigenen Vorstellungen zu füllen…

Justus Schmalhausen

Maler und Kunstpädagoge

 


 
10. Januar 2010

Ansichten
Svetlana Neretina

Was macht Nikos?

Weder übersetzt er Homer aus dem Altgriechischen in eine moderne Sprache, damit wir durch das Wissen dieser Schätze bereichert werden, noch übersetzt er moderne Dichtung ins Lateinische – dieses wäre eine anmaßendes Vorhaben für Sprachwissenschaftler. Es ist auch keine Botschaft an die Nachwelt. Es ist die Wiedergeburt des Wortes auf Leinwand – und hier könnte man vorsichtig anfügen – eine Botschaft an die Vorfahren oder, simpel ausgedrückt, an die Toten.

Unsinn, völliger Unsinn, ohne irgend eine Möglichkeit der Interpretation. Die Farbe alleine, als Ausdruck des ewigen Lichtes , bringt Absender und Empfänger zusammen. Farbe ist, in der Tat, die eine, sinnliche Komponente der Gleichung, während die merkwürdige Formgebung der Buchstaben die logische, kalte und unverständliche Seite darstellt.

Wie viele Menschen haben letzten Endes von der mykenische Linear B-Schrift gehört? Genauer gesagt, wie viele wissen überhaupt was Linear B bedeutet? Hier werden die Worte moderner Dichter stumm, überschreiten die Grenzen zum verständlichem Wort.

„Dass sie sich erinnern“, sagt Nikos knapp.
„Nicht dass sie sprechen, sondern sich erinnern.
Wer sollte sich erinnern?
Tatsächlich beginnt es bei mir“.

(aus dem Englischen übersetzt von Ellen Hug und bearbeitet von Peter Völker).

November, 2010

 


 

Die faszinierende Welt von Linear B – Eine Kunst-Brücke zum alten Mykene
Ausstellung von Nikos Samartzidis in der“Galerie Terzo“, BERLIN, von 26.02 – 25.03.2011

Als ein der Geschichte seiner griechischen Heimat verbundener Künstler und Kenner der zeitgenössischen Literatur seines Landes, entwickelte Samartzidis die Idee, moderne Texte in diese archaische Schrift zu transformieren.
Da nur sehr wenige Fachleute diese Ideogramme und Lautzeichen lesen und verstehen können, ergeben sich für seine bildnerischen Werke völig neue, weitreichende Bedeutungsebenen.
Nicht nur die Vergangenheit wird in die Gegenwart katapultiert, auch die Gegenwart in Form zeitgenössischer Lyrik wird weit in die untergegangene Antike zurückgeworfen. Beide verlieren dadurch ihren jeweiligen sprachlichen Zusammenhang. So tritt der sprachliche Sinn zurück, zu Gunsten einer spannenden Choreografie der Zeichen. Die fesselnde Formenmagie und archaische Schönheit der hieroglyphenartigen Schrift strahlt die Energie der Sprache als eine geistige Energie ab, ohne von Sprachdeutung und weit zurückreichender kultureller Entwicklung abhängig zu sein. So erreicht Nikos Samartzidis eine neue Qualität, eine Bedeutungsschicht, die universell und Zeitlos ist. Zu den Zeichen gesellen sich immer mehr abstrakte grafische Geflechte, Kerben und strukturierte Oberflächen, die flüchtig betrachtet leichthin als antike Risse gedeutet werden, doch bei Betrachtung des formalästhetischen Ganzen seiner Bildtafeln, gibt Samartzidis ihnen eine bildnerische Eigenständigkeit und malerische Qualität, die zu einer weiteren Abstraktion des Denkens führt. Er führt den Geist immer weiter vom ursprünglichen Sinn der Sprachdefinition zur dahinterliegenden Seele, der Sinn wird zur rein geistigen und seelischen Dimension.
Die im Laufe der Zeit immer weiter gesteigerten malerischen Oberflächen schaffen unbegrenzte Imaginationsräume, gefüllt mit Magie. Der Betrachter wird verführt, neue Ebenen zu betreten und gedankliche Lücken mit der Phantasie und Kraft seiner eigenen Vorstellung zu füllen.
Nikos Samartzidis geht in seiner Kunst unbeirrt einen einsamen Weg, abseits von Zeitgeistgetöse und einem Umfeld, das noch nicht einmal an der Oberfläche kratzt, sondern diese nur noch spiegelt und begibt sich in die Tiefen einer universellen und zeitlosen Seele. Er erweist sich als ein Künstler mit großem Herzen, von denen es leider viel zu wenige gibt, die aber immer notwendiger werden, um die Grundlagen menschlicher Existenz weiter zu gewährleisten.

Yochen Schwarz,
Maler, kunsthistoriker und Galerist,
HANAU, Februar 2011